Sozietät
Dr. Oexmann

Pferderecht

Der Röntgenleitfaden und seine forensische Bedeutung

Veröffentlicht von Dr. jur. Burkhard Oexmann am 2017-03-29

1.
Das von Hertsch verantwortete Vorwort zum Röntgenleitfaden 2007 (Kurztitel: RöLF 07) fällt dual aus: Einerseits ist die Rede von „Interpretationshilfe“, die Tierärzte vor unangebrachten Erwartungen und Forderungen schütze und ihre neutrale Position festige, andererseits mache die „Einteilung in Klassen … dem Laien das Ergebnis besser verständlich“. Obwohl das Vorwort selbst kritisch darauf hinweist, dass sich „Aussagen zur Klasse nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen belegen“ ließen, haben diese Röntgenklassen eine vom pferdemedizinischen Betrieb losgelöste kommerzialisierte Bedeutung erlangt, die bei rechtlicher Betrachtung den Pferdekaufmarkt in Wirrnis stürzen, die kaufuntersuchenden Tierärzte mit erheblichen Regressrisiken konfrontieren und damit ein Menetekel heraufbeschwören.

2.
Dass sich Markt und Juristen mit den Röntgenklassen des RöLF 07 schwer tun, folgt schon aus der Kommentierung des Jura-Professors Westermann (Münchener Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch), der im Zusammenhang mit den Röntgenklassen II und III wörtlich von „Krankheitsanzeichen“ spricht. Dass indes die Röntgenklasse II den Normzustand beschreibt, bei dem Befunde nur gering vom Idealzustand der Röntgenklasse I abweichen, und die Röntgenklasse III nomenklatorisch mit „Akzeptanzzustand“ gleichzusetzen ist, bei denen Befunde, die von der Norm abweichen, nur mit einer Häufigkeit von 5 % bis 20 % zum Auftreten klinischer Begleitsymptome in unbestimmter Zeit führen, wird von den Juristen offensichtlich verkannt.

3.
Auf der XXI. Tagung über Pferdekrankheiten der Pferdeklinik Hochmoor (Manuskript vom 20. und 21.03.2015) hat der Hannoveraner Pferdemedizin-Ordinarius Stadler zum Thema „Interindividuelle Variationen bei der Beurteilung röntgenologischer Untersuchungen nach dem RöLF 07“ referiert. Wie in der Humanmedizin seien auch in der Pferdemedizin selbst bei radiologisch geübten und hochqualifizierten Pferdetierärzten unterschiedliche Beurteilungen von Röntgenbildern möglich. Für subjektiv eindeutige höhergradige Röntgenbefunde oder eindeutige aber klinisch wenig bedeutsame Befunde wie isolierte Verschattungen im Fesselgelenk liege eine relativ gute Übereinstimmung vor. Je größer die Anzahl der im Röntgenleitfaden aufgelisteten Befunde für eine bestimmte Projektionsrichtung sei, desto größer scheine die Schwankung bzw. die fehlende Übereinstimmung zu sein. Außerdem würden mehr Röntgenbefunde erkannt (z.B. seitliche Zehenaufnahmen) als bei Röntgenaufnahmen von anatomischen Lokalisationen, zu denen der Röntgenleitfaden nur relativ wenig Befunde aufliste (etwa BWS). Die Ergebnisse zeigten, so Stadler, dass einerseits durch die Einführung des Röntgenleitfadens für eine Vielzahl von Röntgenbefunden eine akzeptable Übereinstimmung erreicht worden sei. Dies liege in dem Rahmen, der in Systemen, bei denen die subjektive menschliche Wahrnehmung gefordert sei, möglich sei. Andererseits werde es in absehbarer Zeit nicht gelingen, bei tiermedizinischen Fragestellungen wie z.B. der Röntgendiagnostik eine vollständige einheitliche und reproduzierbare Ergebnisfindung zu gewährleisten.


4.
Der Juristenstand ist aufgerufen, seinen Umgang mit den Röntgenklassen des RöLF 07 grundlegend zu überdenken:

  • Das Vorwort zum Röntgenleitfaden definiert diesen als Interpretationshilfe für Tierärzte und Verständnishilfe für Laien. Nach der juristischen Methode zu eigenen Auslegungsmethoden grammatikalischer und historischer Ausrichtung kommt damit eine rechtlich relevante Standardisierung ipso iure nicht in Betracht.
  • Den Röntgenklassen fehlt schon wegen ihres „Schätzcharakters“ die ausreichende Stringenz, um von ihnen eine Standardisierung im Sinne von Beschaffenheit und/oder tierärztlicher Sorgfalt abzuleiten. Evidenzbasierung scheidet auch deshalb aus, weil für die vier Röntgenklassen multizentrische prospektive Doppel-Blindstudien mit abschließenden Metaanalysen nicht existieren. Selbst wenn man den Röntgenklassen den Charakter einer S3-Leitlinie zubilligen wollte, gäbe dies nach der Rechtsprechung des Arzthaftungssenats des Bundesgerichtshofs keinen Anlass, von einer bindenden Standardisierung im Sinne des § 276 Abs. 2 BGB zu sprechen.
  • Nur zwei Lebewesen auf diesem Erdenkreis zeichnen sich durch höchste Individualität aus, nämlich Mensch und Pferd. Maßgebend dafür sind, rein anatomisch-physiologisch betrachtet, die starken Formvarianzen im interindividuellen Vergleich. Standardisierung setzt aber begrifflich Vergleichbarkeit voraus.
  • Stadler wirft den Röntgenklassen zu Recht den Mangel reproduzierbarer Ergebnisfindung vor, und zwar wegen der Subjektivität des jeweils begutachtenden Tierarztes. Dieser Gedanke erinnert fatal an den Großversuch, der im Jahre 1967 gestartet wurde. Ein und derselbe Aufsatz wurde 50 verschiedenen Germanisten (Philologen) vorgelegt. Von der Note „sehr gut“ bis „ungenügend“ fand sich jede Zensur wieder.
  • In der Einleitung zur Beurteilung der Röntgenklassen weist der RöLF 07 darauf hin, im Rahmen einer vollständigen (!) Kaufuntersuchung könnten die klinischen Befunde wie Anamnese, Adspektion, Palpation und Provokationsprobe in Verbindung mit den röntgenologischen Befunden in die persönliche tierärztliche Empfehlung (Endbeurteilung des Pferdes) positiv oder negativ einfließen. Diese Überlegung fördert eine Assoziation zum Dogma der modernen Medizin „ohne Diagnose keine Therapie“. Auch die Röntgenklassen des Röntgenleitfadens sind lediglich Hilfsmittel bei der Interpretation der individuellen Röntgenaufnahmen durch den begutachtenden Tierarzt. Eine bloße im Pferdemarkt häufig vorkommende Fokussierung auf den „Röntgen-TÜV“ spart die gesamte klinische Untersuchung aus und muss daher notwendigerweise zu abstrakten statistikähnlichen Ergebnissen führen. Klinische und radiologische Untersuchung stehen unlösbar in einem methodischen Junktim zueinander.
  • Der Bundesgerichtshof hat mit seinem Urteil vom 07.02.2007 (VIII ZR 266/06) die Richtung vorgegeben: Ein klinisch unauffälliges Pferd ist frei von Sachmängeln im Sinne der §§ 90a S. 3, 434 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 u. 2 BGB; selbst wenn in der radiologischen Darstellung Abweichungen von der „physiologischen Norm“ festgestellt werden, steht seiner Verwendung als Reitpferd nichts entgegen, weil nur eine geringe Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass das Pferd künftig klinische Begleit- bzw. Folgesymptome entwickelt. In zwei aktuellen Entscheidungen vom 21.05.2015 (1 U 1382/14) und vom 14.04.2016 (1 U 254/15) ist das OLG Koblenz noch einen Schritt weitergegangen. Die Einordnung eines Pferdes in eine bestimmte (schlechte) Röntgenklasse führe nicht zum Vorliegen eines Mangels, wenn klinische Symptome wie Lahmheit unter anderem (noch) nicht aufgetreten seien. Allein die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Lahmheit (z.B. in 50 % der Fälle) könne das Vorliegen eines aktuellen Mangels nicht begründen.
  • Damit schrumpfen die Röntgenklassen des RöLF 07 in ihrer zivilrechtlichen Funktion und Bedeutung auf die Klasse IV zusammen. Allein diese Graduierungsstufe erscheint als brauchbares Indiz für kaufrechtliche Sachmängel oder tierärztliche Sorgfaltsmängel, allerdings auch nur und soweit eine klinische Begleitsymptomatik parallel festgestellt wird. Klinische und röntgenologische Untersuchungen ergänzen sich und sind, vor allem in der Interpretation, voneinander unlösbar. Insoweit kommt der Radiologie und ihren vier Röntgenklassen nur subsidiärer Charakter zu.

5.
Daraus leiten sich folgende Empfehlungen ab:

  • Das Graduierungsschema des RöLF 07 mit seinen Röntgenklassen I bis IV ist strikt abzulehnen und ersatzlos zu eliminieren.
  • Radiologisch festgestellte Abweichungen von der physiologischen Norm sind im Einzelnen sprachlich exakt zu beschreiben.
  • Geht die radiologisch festgestellte Abweichung von der physiologischen Norm nicht mit einer korrespondierenden klinischen Begleitsymptomatik einher, ist bei der Bewertung der Röntgenaufnahmen jeweils zu vermerken „derzeit ohne Bedeutung“.


Literatur
  • Bemmann, Allgemeine Geschäftsbedingungen im standardisierten Untersuchungsprotokoll (Vertrag über die Untersuchung eines Pferdes), in: Pferdeheilkunde 2008, 701 bis 710
  • Bemmann, Kaufuntersuchungen von Pferden. Die Röntgenklasse II im Spiegel der Rechtsprechung, in: AUR 2005, 248 bis 250
  • Bemmann, Osteochondrose und Kaufuntersuchung aus juristischer Sicht, in: RdL 2006, 85 bis 91
  • Bemmann/Schüle/Raum, Aktuelle Entwicklung und Folgen der Rechtsprechung zur gesamtschuldnerischen Haftung des Tierarztes nach pflichtwidriger Ankaufsuntersuchung, in: RdL 2015, 263 bis 267
  • Bemmann/Stadler/Schüle, Die Änderungen des Röntgenleitfadens und ihre Bedeutung für die tierärztliche Praxis und Forensik, in: RdL 2008, 141 bis 148
  • de Graal et al., „The radiographic frequency of impingement of the dorsal spinous processes at purchase examination and its clinical significance in 220 warmblood sporthorses“, in: Pferdeheilkunde 2015, 461 bis 468
  • Marx, Fallstrecke in Pferderechtsprozessen seit Abschaffung des Viehgewährleistungsrechts, in: NJW 2010, 2839 bis 2845
  • Oexmann, Die forensische Zukunft des Röntgenleitfadens, in: RdL 2007, 116 ff.
  • Oexmann, Die rechtliche Multifunktion der Pferdetierärzte, in: Pferdeheilkunde 2010, 264 ff.
  • Oexmann, Die tierärztliche Pferdekaufuntersuchung in der aktuellen Rechtsprechung, in: RdL 2013, 208 bis 209
  • Oexmann, Dritthaftung des Tierarztes aus fehlerhafter Pferdekaufuntersuchung, in: RdL 2010, 172 bis 179
  • Oexmann, Von der Mythologie zur Evidenzbasierung, in: Pferdespiegel 2015, 118 bis 121; dazu Heinz Meyer, Über den Begriff und das Phänomen „Evidenz-basierte Medizin“ in: Pferdeheilkunde 2015, 612 bis 619
  • Oexmann, Röntgenklassen des Röntgenleitfadens 2007: Ein rechtlicher Totalschaden?, in: RdL 2016, 149 bis 154
  • Pauge, Arzthaftungsrecht, 13. Auflage 2015, Rn. 185 m.N. der BGH-Rechtsprechung
  • Plewa, Die rechtliche Verknüpfung von Pferdekauf und Kaufuntersuchung, in: Pferdeheilkunde 2012, 711 bis 714
  • Staudinger, Bürgerliches Gesetzbuch, Neubearbeitung 2014
  • Unberath in: Bamberger/Roth, Bürgerliches Gesetzbuch, 3. Auflage 2014, § 276 Rn. 24 m.N. der BGH-Rechtsprechung i.d. Fn. 87 bis 92
  • Westermann in: Münchener Kommentar, Bürgerliches Gesetzbuch, Schuldrecht Besonderer Teil I, 7. Auflage 2016, § 434 Rn. 6 bis 25

 

Aktuelle Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur Beweislast aus 2016 und die Folge für die Pferdemediziner

Veröffentlicht von Dr. jur. Burkhard Oexmann am 2017-03-29

1.
§ 21e des Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) verlangt von jedem Gericht eine interne Verteilung der richterlichen Aufgaben (Geschäftsverteilungsplan). Kurz formuliert: Es wird wegen des Grundsatzes des gesetzlichen Richters (Art. 101 Abs. 1 S. 2 des Grundgesetzes – GG) im Vorhinein für das folgende Kalenderjahr im Einzelnen fixiert, welcher Richter für welches Rechtsgebiet und für welchen Beklagten (Anfangsbuchstabe seines Namens) zuständig ist. Diese Geschäftsverteilung hat seit einigen Jahrzehnten in unserer hochdifferenzierten Lebenswirklichkeit u.a. dazu geführt, dass bestimmten Richtern Bauprozesse und anderen Arzthaftungsprozesse übertragen werden, weil neben den juristischen Fähigkeiten hohe fachspezifische Kompetenzen entwickelt werden müssen. So gibt es seit etwa 40 Jahren in der Zivilgerichtsbarkeit Spezialkammern (Landgerichte) und Spezialsenate (Oberlandesgerichte), die sich nur mit der humanmedizinischen Arzthaftung befassen. In den Geschäftsverteilungsplänen heißt dies fast verniedlichend „Recht der Heilberufe“. Seit etwa zehn Jahren beobachte ich die Tendenz vieler Gerichte, diesen Arzthaftungskammern auch die Zuständigkeit für die Tierärzte zu übertragen.

2.
Im Jahre 2013 hat der Bundestag das Patientenrechtegesetz verabschiedet, das in seinen §§ 630a bis 630h BGB die Spezifika zwischen Patient einerseits und Arzt andererseits umfassend und teilweise detailistisch regelt. Obwohl es in den Erwägungen des Gesetzgebers ausdrücklich heißt, von diesen Vorschriften des Patientenrechtegesetzes seien nur die Humanmediziner erfasst, nicht die Tiermediziner, ergeben sich gedankliche Parallelitäten, besser: Gedankliche Parallelisierungen, wenn Richter R. um 9:00 Uhr den Regress gegen einen Gynäkologen verhandelt und um 11:30 Uhr vor ihm ein Tierarzt als Beklagter steht. Neuere Untersuchungen sollen ergeben haben: Wenn Richter nach der Mittagspause mit hohem gastrointestinalen Sättigungsgrad „freundlicher“ entscheiden, warum sollen sie unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaften nicht veranlasst sein, Human- und Veterinärmediziner strukturell ähnlich oder gar gleich zu behandeln?

3.
Damit ist es bereits in den letzten Jahren zu einer schleichenden Anpassung tierärztlicher Sorgfaltsparameter an humanmedizinische Standards gekommen. Besonders gefahrvoll für Pferdemediziner wirkt sich § 630h Abs. 5 BGB aus. Diese Vorschrift lautet: „Liegt ein grober Behandlungsfehler vor und ist dieser grundsätzlich geeignet, eine Verletzung des Lebens, des Körpers oder der Gesundheit der tatsächlich eingetretenen Art herbeizuführen, wird vermutet, dass der Behandlungsfehler für diese Verletzung ursächlich war. Dies gilt auch dann, wenn es der Behandelnde unterlassen hat, einen medizinisch gebotenen Befund rechtzeitig zu erheben oder zu sichern, soweit der Befund mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein Ergebnis erbracht hätte, das Anlass zu weiteren Maßnahmen gegeben hätte, und wenn das Unterlassen solcher Maßnahmen grob-fehlerhaft gewesen wäre.“

4.
Der schon erwähnte für die humanmedizinische und jetzt auch veterinärmedizinische Haftung zuständige 6. Zivilsenat des BGH hat sich wiederholt mit der Frage des groben Behandlungsfehlers befasst und in einer langen Reihe von Urteilen, fokussiert auf Humanmediziner, begrifflich definiert: „Die Annahme eines groben Behandlungsfehlers setze voraus, dass der Arzt

  • eindeutig gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln oder gesicherte medizinische Erkenntnisse verstoßen habe und (additiv)
  • einen Fehler begangen habe, der aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheine, weil er einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen dürfe.“

Damit wird klar: Bei der begrifflichen Definition der „groben Fahrlässigkeit“ im human- und tiermedizinischen Bereich geht es weniger um die Festlegung eines Standards für den Sorgfaltsmaßstab als vielmehr um die Fiktion der Kausalität eines Fehlers. Das folgt dem dreigliedrigen haftungsrechtlichen Konzept in der Humanmedizin. Die Arzthaftung setzt Dreierlei voraus, nämlich
  • Verletzung der Sorgfalt
  • Schaden beim Patienten
  • Kausaler Zusammenhang zwischen Sorgfaltsfehler und Gesundheitsschaden.

Kluge Juristen haben dies auch als „Haftungserweiterung durch Verlagerung der Beweislast“ genannt.

5.
Nun komme ich zur Entscheidung des oben mehrfach erwähnten 6. Zivilsenats des BGH vom 10.05.2016 zu VI ZR 247/15. Dieses sich mit der Haftung eines Tierarztes wegen groben Behandlungsfehlers befassende Urteil lautet in seinem sogenannten Leitsatz: „Auch bei der Behandlung eines Tieres durch einen Tierarzt führt ein grober Behandlungsfehler, der geeignet ist, einen Schaden der tatsächlich eingetretenen Art herbeizuführen, regelmäßig zur Umkehr der objektiven Beweislast für den ursächlichen Zusammenhang zwischen den Behandlungsfehlern und dem Gesundheitsschaden.“ Noch schöner hätte es der BGH nicht formulieren können, was ich seit Jahren bei meinen Vorträgen und Aufsätzen immer wieder betone: Es hat inzwischen eine schleichende Anpassung tierärztlicher Sorgfaltsparameter an die humanmedizinischen Standards stattgefunden.

6.
Der Sachverhalt, der dem BGH a.a.O. zugrunde lag, war folgender (ich zitiere): „Die Kl. war Eigentümer eines Hengstes. Am 8.7.2010 stellte er das Pferd dem beklagten Tierarzt zur Behandlung vor, nachdem sie an der Innenseite des rechten hinteren Beins eine Verletzung festgestellt hatte. Der Bekl. verschloss die Wunde und gab die Anweisung, das Pferd müsse zwei Tage geschont werden, könne dann aber wieder geritten werden, soweit keine Schwellung im Wundbereich eintrete. Am 11.7.2010 wurde das Pferd zum Beritt abgeholt. Dabei ergaben sich leichte Taktunreinheiten im Bereich des verletzten Beines, sodass das Reiten eingestellt wurde. Am 14.7.2010 wurde eine Fraktur der tibia hinten rechts diagnostiziert. Die Operation der Fraktur gelang nicht, das Pferd wurde euthanasiert.“

7.
Schaut man in die Entscheidungsgründe (Urteilsgründe) dieses BGH-Urteils vom 10.05.2016, wird die ganze Wucht der richterlichen Festlegung deutlich:

a)
Zunächst befasst sich der BGH umfangreich mit der Frage, ob und wann im humanmedizinischen Bereich ein grober Behandlungsfehler „regelmäßig“ (man betrachte diese Formulierung!) zum Umkehr der objektiven Beweislast für den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Behandlungsfehler und dem Gesundheitsschaden führe.

b)
Sodann diskutiert die BGH die schon von mir angesprochene Frage, ob und gegebenenfalls das Patientenrechtegesetz aus dem Jahr 2013 auf Tiere unmittelbar oder analog anzuwenden sei. Es verneint die unmittelbare Anwendung, kommt aber zu einer analogen Übertragung der Rechtsgedanken.

c)
Dazu wendet es, insoweit konsequent, § 90a S. 3 BGB an. Diese Vorschrift besagt, dass, da Tiere keine Sachen sind, auf sie gleichwohl die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden sind, wenn nicht etwas anderes bestimmt ist. Da das Patientenrechtegesetz und damit auch der oben von mir zitierte § 630h Abs. 5 BGB auf Pferde gerade nicht angewendet werden dürfen, kommt es nur zu einer analogen (rechtsähnlichen) Anwendung. Damit sind die Tierärzte den primär humanmedizinisch fokussierten Richter in die Analogiefalle gegangen!

d)
Allerdings, das wird man den Karlsruher Richtern zugutehalten müssen, werden zwei zutreffende Abgrenzungskriterien diskutiert. Das Pferd wird einmal als nonverbaler Patient beschrieben, zum anderen wird ihm attestiert, in der Regel inkooperativ zu sein.

e)
Werde, so der BGH a.a.O., ein grober Behandlungsfehler eines Tierarztes festgestellt, habe der Richter auch und gerade unter dem Gesichtspunkt der Rechtssicherheit und des Gleichbehandlungsgrundsatzes nach Art. 3 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG) kein Handlungsermessen. Er müsse die Beweislastumkehr in analoger Anwendung des § 630h Abs. 5 BGB auf den Tierarzt anwenden. Damit dürfte die Entscheidung des BGH vom 10.05.2016 im Ergebnis zu einem ehernen Gesetz geworden sein.

8.
Konsequenzen:

a)
Wenn ich in die pferdemedizinischen Fachbücher schaue, stelle ich fest, dass dort die Warnung „cave!“ eher sparsam verwendet wird. Es könnte im Lichte des BGH-Urteils vom 10.05.2016 indiziert sein, künftige Neuauflagen der Lehrbücher und auch Standardwerke häufiger mit den fettgedruckten „cave!“ zu versehen, wenn im Sinne der obigen Definition des Bundesgerichtshofs bewährte ärztliche Regeln und gesicherte Erkenntnisse vorliegen, gegen die auf keinen Fall verstoßen werden darf.

b)
Das leitet über zu der Frage, ob es den pferdemedizinischen Fachgremien, etwa der GPM, nicht möglich sein kann, einen Katalog solcher tiermedizinischer Behandlungsregeln und tiermedizinischer Erkenntnisse zusammen zu stellen, gegen die auf gar keinen Fall verstoßen werden darf. Zwar würde ein solcher Katalog nicht dem Optimierungspostulat der Evidenzbasierung gleichkommen, gleichwohl aber eine wirksame Handreichung zur präventiven Schadensvermeidung darstellen.

c)
Als Jurist, der ständig beruflichen Kontakt mit Pferdesachverständigen in der Bundesrepublik Deutschland und auch aus dem Ausland pflegt (pflegen muss), möchte ich gern fordern, dass sich diese Sachverständigen (in Deutschland ist die Zahl der qualifizierten Pferdesachverständigen an zwei Händen abzuzählen) zeitnah zusammensetzen und aus ihrer Sicht einen Katalog bewährter tierärztlicher Behandlungsregeln und gesicherter medizinischer Kenntnisse evaluieren. Auch das würde dem Prinzip der Evidenzbasierung, wie in der Humanmedizin postuliert, nicht gerecht, aber vielen vor allem jungen Tierärzten helfen, nicht in die von mir beschriebene Analogiefalle des Bundesgerichtshofs zu tappen. Denn: Die tierärztliche Pferdebehandlung darf nicht am Standard einer Universitätsklinik mit dem Grad professoraler Maximalversorgung in Diagnose und Therapie gemessen werden. Hier würde nicht nur der Begriff der tierärztlichen Sorgfalt im Sinne des § 276 Abs. 2 BGB überspannt, man würde auch zu Unrecht im Wege der Analogie zu einer Fiktion der Kausalität kommen, was im Ergebnis zur Beweislastumkehr führt und nach aller Erfahrung dem Pferdetierarzt keine Chance eröffnet, sich aus der Haftungsfalle des Bundesgerichtshofs zu befreien.


Literatur:

  • Gehrlein, Grundwissen Arzthaftungsrecht, 2. Auflage, München 2015
  • Koch, Beweislastumkehr bei grobem Behandlungsfehler eines Tierarztes, in: NJW 2016, 2461 bis 2464
  • Oexmann, Aktuelle Rechtsfragen der Hengstkastration (RdL 2009, 172 ff.)
  • Oexmann, Die rechtliche Multifunktion der Pferdetierärzte (Pferdeheilkunde 2010, 264 ff.)
  • Oexmann, Forensische Aspekte der Pferdekolik (Pferdeheilkunde 2012 (28), 466-468)
  • Oexmann, Aspekte der tierärztlichen Haftung beim Einsatz von Medikamenten (pferde.spiegel 2012, 132-136)
  • Oexmann, Von der Mythologie zur Evidenzbasierung (pferde.spiegel 2015, 118-121)
  • Pauge, Arzthaftungsrecht, 13. Auflage, Köln 2015