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Dr. Oexmann

Pferderecht

Pflichtverletzungen - Hengsthalter und Zuchtverbände

Veröffentlicht von Dr. Oexmann am 2004-10-14

Pflichtverletzungen durch Hengsthalter und Zuchtverbände bei OCD

von Dr. jur. Burkhard Oexmann, Rechtsanwalt in Lippetal

Ökonomische Bedeutung der OCD

Bis Reitpferde ihre Höchstleistungen im Alter ab sieben Jahren erbringen, sind erhebliche Investitionen für Zucht, Aufzucht und Ausbildung erbracht. Aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen ist es notwendig, nur solche Pferde zu züchten, die von ihrer Konstitution her gesund sind, um ihr Leistungspotential voll auszuschöpfen. Die ethischen Regeln des (internationalen) Tierschutzes verlangen, daß Aspekte der Gesundheit in der Tierzucht berücksichtigt werden. Dieser tierzüchterische Aspekt leitet über zum zuchtökonomischen Gedanken. Die Gliedmaßenerkrankung Osteochondrosis Dissecans (OCD) tritt immer häufiger als Diagnose bei Pferdekaufuntersuchungen auf und hat damit einen hohen Stellenwert eingenommen. Für künftige Selektionsentscheidungen ist der Erblichkeitsgrad dieser Erkrankung bedeutsam. Veterinäre und Tierwissenschaftler sind aufgefordert, populationsgenetische Parameter einzuschätzen, um gezielt Selektionsmaßnahmen unter Berücksichtigung des Erblichkeitsgrades zur Verbesserung der Pferdegesundheit zu entwickeln.

Aktueller Stand der veterinärmedizinischen Forschung zur OCD

Die isolierte röntgenologische Verschattung als morphologisches Ergebnis der OCD basiert (auch) auf einer genetischen Prädisposition der Elterntiere. Die Heritabilität isolierter röntgenologischer Verschattungen im Huf-, Kron-, Fessel- und Sprunggelenk wird ohne Ansehung des Geschlechtes der Elterntiere auf 0,18 bis 0,44 geschätzt. In der neueren veterinärmedizinischen Literatur werden differenzierte Auswertungen getrennt für Röntgenbefunde bei männlichen und weiblichen Pferden durchgeführt. Die Schätzungen genetischer Parameter erfolgen jeweils für die binär codierten Röntgenbefunde und die Widerristhöhe der Pferde. Die Heritabilitätss-chätzwerte und die geschätzten Residualkorrelationen werden in das Schwellenwertmodell transformiert. Die Anwendbarkeit der Transformationsfaktoren auf dieses Datenmaterial bestätigt sich in Simulationsstudien. Im allgemeinen besteht eine gute Übereinstimmung zwischen den in Tier- und Vatermodellen ermittelten Schätzwerten. Damit kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die zytogenetischen Aberrationen der OCD zu den nachweislich gesicherten Erbkrankheiten zählen.

Rechtskonstruktion beim Vertrieb von Hengstsamen

Der Deckakt in Form des Natursprungs hat in der Pferdezucht ausgedient. Die Vererbung der Hengstgenetik erfolgt im Wege der künstlichen Befruchtung (KB) über die künstliche Insemination. Damit reduziert sich die Weitergabe der Hengstgene zivilrechtlich auf den Samenkauf. Für die europäische Pferdezucht ist von Bedeutung die EU-Kaufrechts-Richtlinie (Richtlinie 1999/44/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. Mai 1999 zu bestimmten Aspekten des Verbrauchsgüterkaufs und der Garantien für Verbrauchsgüter). Art. 2 Abs. 1 der

Richtlinie verpflichtet den Verkäufer, dem Verbraucher die dem Kaufvertrag gemäßen Güter zu liefern. Nach Art. 2 Abs. 2 lit. d) wird vermutet, daß die Kaufsache vertragsgemäß ist, wenn sie Qualität und Leistung aufweist, wie sie bei Gütern der gleichen Art üblich sind und die der Verbraucher vernünftigerweise erwarten kann. Damit findet die Rückkopplung auf den unbedingten Wunsch des Pferdezüchters statt, nur solche Hengstgene zu erwerben, die frei von OCD sind. Unter dem Aspekt der Plausibilität kann unter gar keinen Umständen angenommen werden, daß seit der Entdeckung des genetischen Faktors der OCD jemand bereit sein könnte, Pferde zu züchten, die das morphologische Risiko in sich tragen, isolierte röntgenologische Verschattungen aufzuweisen.

OCD und DNA-Untersuchung

Es ist heute ohne Schwierigkeiten möglich, mit Hilfe von Biomarkern des sog. Collagen-Turnover die genetische Prädisposition des Hengstspermas in Richtung OCD zu analysieren. Die umfangreichen wissenschaftlichen Studien von Billinghurst, McIlwraith, Brama und van Weeren haben ergeben: Im Blutserum findet sich ein spezifischer Molekularmarker des collagenen Metabolismus, der in der Lage ist, Fohlen mit OCD zu identifizieren. Es handelt sich um den Marker vom Typ II der collagenen Synthese.

Verpflichtungen des Spermaverkäufers (Hengsthalters)

Unter Berücksichtigung der EU-Kaufrechts-Richtlinie verstößt der Hengsthalter gegen seine Obliegenheiten, wenn er Samen von solchen Hengsten verkauft, die nicht OCD-frei sind. Dabei darf der Spermaverkäufer die Frage, ob der Hengst OCD-behaftet ist, nicht dem Zufall überlassen, sondern muß im Rahmen seiner Produktbeobachtungspflicht sorgfältig recherchieren, den Hengst also vor dem ersten Deckeinsatz einer Genomanalyse unterziehen. Diese aktive Produktbeobachtungspflicht hat nicht nur den Charakter einer nebenvertraglichen Sorgfaltspflicht, sondern richtet sich auf die Primärpflicht des Verkäufers, nur solchen Samen in den Verkehr zu bringen, der im Sinne von Art. 2 Abs. 1 lit. d) der Richtlinie eine solche Qualität aufweist, die bei Gütern gleicher Art üblich ist und die vom Verbraucher, dem Pferdezüchter, vernünftigerweise erwartet werden kann. Bringt der Hengsthalter Sperma in den Zuchtkreislauf, das nicht OCD-frei ist und/oder das keiner Genomanalyse unterzogen wurde, haftet er dem Stutenbesitzer unter dem Gesichtspunkt der kaufrechtlichen Gewährleistung bis hin zum Schadensersatz wegen des Verlustes eines Zuchtjahres (Erwerbsschaden, frustrane Aufwendungen durch Futter, Tierarzt usw.). Hinzu kommt ein wettbewerbsrechtlicher Aspekt. Nachdem die Genomanalyse zur Ausschließung der OCD-Prävalenz möglich ist, treibt derjenige Hengsthalter irreführende Werbung, der entweder keine Hinweise auf die genetische Prädisposition im Sinne von OCD gibt oder aber die gebotene Genomanalyse des Spermas seines Hengstes unterläßt. Solche Wettbewerbswidrigkeiten können von konkurrierenden Hengsthaltern zum Gegenstand einer wettbewerbsrechtlichen Unterlassungs- und Schadensersatzklage gemacht werden.

Pflichten der Zuchtverbände und Zuchtleiter

Die Pferdezuchtverbände haben sich weltweit eigene Zuchtziele gesetzt. Der Verband hannoverscher Warmblutzüchter e.V. definiert das Zuchtziel Gesundheit wie folgt: „Erwünscht sind Pferde, die frei von Erbkrankheiten und anderen gesundheitlichen Mängeln sind, die die Zuchttauglichkeit oder die Eignung als Reitpferd beeinträchtigen.“ Damit trifft die Zuchtverbände und deren verantwortliche Zuchtleiter eine passive Produktbeobachtungspflicht im Sinne präventiver Erbhygiene. Jedenfalls in das Hengstbuch I dürfen nur solche Hengste aufgenommen werden, die nachweislich frei von der genetisch prädisponierenden OCD sind. Da die Zuchtverbände als eigene Rechtspersönlichkeiten ihren Mitgliedern gegenüber zivilrechtlich haften, wäre ein solcher Verstoß der Zuchtverbände und ihrer verantwortlichen Zuchtleiter Anlaß für enttäuschte Züchter, Schadensersatzansprüche anzumelden.

Zusammenfassung

Die molekularbiologischen Fortschritte ermöglichen es, Hengstsperma auf die Erbkrankheit OCD hin zu überprüfen. Nach dem europäischen Kaufrecht dürfen Hengsthalter Samen, der nicht nachweisbar OCD-frei ist, nicht vertreiben, ohne sich der Gefahr erheblicher Rechtsansprüche auszusetzen (insbesondere Schadensersatzansprüche). Soweit die Pferdezuchtverbände die Freiheit von Erbkrankheiten als Zuchtziel definieren, sind die verantwortlichen Zuchtleiter zur passiven Produktbeobachtung angehalten. Nur solche Hengst dürfen zum Hengstregister I zugelassen werden, die genomanalytisch frei von OCD sind.

Literatur

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