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Dr. Oexmann

Medizinrecht

Produkt- und Arzthaftung aus Brustvergrößerung

Veröffentlicht von Dr. Oexmann am 2003-07-31

Produkt- und Arzthaftung aus Brustvergrößerung (Brustaugmentation)

Dr. jur. Burkhard Oexmann, Rechtsanwalt in Lippetal

01.

Nach Auskunft der „American Society of plastic Surgeons“ haben sich im Jahr 2002 in den USA 235.000 Frauen einer plastisch-chirurgischen Brustvergrößerung unterzogen. Dieser Markt für Schönheitsoperationen boomt: 10 Jahre zuvor, nämlich in 1992, entschieden sich lediglich 33.000 amerikanische Frauen für Brustvergrößerungen. Hoffmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für ästhetische und plastische Chirurgie, gab vor kurzem einer FAZ-Journalistin an, in Deutschland ließen sich jährlich bis zu 27.000 Frauen auf dem OP-Tisch ihre Brüste neu gestalten, wobei der Schwerpunkt in der Altersklasse zwischen dem 18. und 45. Lebensjahr liege.

02.

Die Brustaugmentation ist nicht vitalindiziert, bewegt sich also bei konservativ-strenger Interpretation des hippokratischen Eids in einer medizinischen Grauzone (nicht fern jeder Ironie bezeichnet das OLG München die von Brustaugmenationen betroffenen Frauen nicht als Patientinnen, sondern als „Kundinnen“). So nimmt es nicht Wunder, daß die Rechtsprechung der Obergerichte (OLG Oldenburg vom 11.11.1997; OLG Köln vom 27.11.2002) bei der operativen Brustvergrößerung mittels Implantate strengste Anforderungen an Zeitpunkt, Art und Umfang der Aufklärung durch den plastischen Operateur stellt. Anders formuliert: Da die operative Brustaugmentation mit einer non-vitalen Indikation einhergeht, rettet nur eine strengste Anforderungen genügende Aufklärung durch den Arzt vor dem Verdikt zivilrechtlicher Rechtswidrigkeit. Schon geringe Mängel der Aufklärung berühren die Grundaufklärung.

03.

Zur Terminologie der operativen Brustaugmentation:

·      Augmentation (operative Vergrößerung der weiblichen Brust)

·      axilläre Schnittführung

·      Diffusion von Silikonpartikeln

·      Doppel-Lumen-Implantat

·      Eingriffsaufklärung

·      Hydrogelimplantat

·      hypotrophische Brust

·      Implantate

·      Kapselfibrose (Bindegewebsvermehrung)

·      Kapselschrumpfung (Kapselkontraktur)

·      Kochsalzimplantat

·      Musculus pectoralis

·      Operationsindikation (vitale; non-vitale)

·      perimamilläre Schnittführung

·      plastische Brustchirurgie

·      plastisch-kosmetische Operation

·      Ptose (Senkung der weiblichen Brust)

·      Risikoaufklärung

·      Silikonhülle mit Matrix-Gel

·      Silikonimplantat

·      (einwandige) Silikonkissen

·      Schönheitsoperation

·      Störungen des Autoimmunsystems

·      subglanduläres Implantat

·      subklinischer Infektionsprozeß über die Brustdrüsen-Milchgänge.

04.

In der medizinischen Fachliteratur werden folgende Komplikationen der operativen Brustaugmentation beschrieben:

·     Hämatome

·     Infektionen

·     überschießende Narbenbildungen

·     Wundheilungsstörungen (insbesondere durch lokalisierte Hautnektrosen bei Durchlutungsstörungen)

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·     Fettgewebsnektrosen mit Zystenbildung

·     postoperative Deformation der Brust

·     Sensibilitätsstörungen der Brusthaut, insbesondere der Mamille

·     komplette Nektrose der Mamille.

Zunehmend mehren sich in der gynäkologischen Literatur Stimmen, die über diagnostische Schwierigkeiten beim Mammakarzinom infolge Implantat zwecks Brustvergrößerung berichten.

05.

Zwei Rechtsprechungshinweise:

a)

Das OLG Oldenburg (Urteil vom 11.11.1997; 5 U 47/97; VersR 1998, 1421) verurteilt einen niedergelassenen Frauenarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 25.000,00 DM nach operativer Brustvergrößerung. Bei dieser nicht vitalindizierten Operation sei eine besonders eingehende Aufklärung erforderlich, die auch die hier manifestierte gleichzeitige Beseitigung einer Ptose (Senkung der Brust) inkludiert habe.

b)

Das OLG Köln (Urteil vom 27.11.2002; 5 U 101/02; soweit ersichtlich nicht veröffentlicht) verurteilte einen Mediziner, an seine Patientin ein Schmerzensgeld von rund 2.500,00 € zu zahlen. Mit dem Ziel der Brustaugmenation habe der verurteilte Chirurg zwei Silikonkissen implantiert, ohne zuvor die damit verbundenen Risiken zu erläutern. Später kam es infolge der Implantate in den Brüsten zur Kapselfibrose, also zur krankhaften Bindegewebsvermehrung. Die Silikonkissen mußten wieder entfernt werden. Das OLG Köln a.a.O. hielt dem Arzt vor, es versäumt zu haben, die Patientin vor der operativen Brustvergrößerung über die Gefahren einer Silikonimplantation zu informieren. Ein zwei Jahre zuvor ausgehändigtes Formblatt zu Risiken sei „völlig ungenügend und damit unerheblich“.

06.

Arzthaftungsrechtlich ist daraus abzuleiten:

3

a)

Die Aufklärung der Patientin muß erschöpfend sein und jedes sich auch nur entfernt darstellendes Risiko behandeln. Jedes Aufklärungsdefizit wirft die Frage mangelnder Grundaufklärung und damit der Rechtswidrigkeit des ärztlichen Handelns auf. Absolute Individualität jeder Patientin steht im Vordergrund. Die Übergabe eines „Formblattes“ läßt die Patientin sonst zu „Kundin“ mutieren.

b)

Besonderes Augenmerk ist der Wahl des Implantats zu widmen. Reine (einwandige) Silikonkissen sind nach dem (allerdings nur die USA betreffendem) Verbot durch die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) absolut indiskutabel (Gesichtspunkt der Dauermüdigkeit, geschwollener Gelenke, Erkrankungen des Bindegewebes und des Autoimmunsystems). Selbst wenn der allerletzte wissenschaftliche Beweis für diese Gesundheitsfolgen nicht geführt sein sollte, stellt die Verwendung eines reinen (einschichtigen) Silikonkissens einen groben Verstoß gegen die nach § 276 BGB geschuldete ärztliche Sorgfalt dar. Mithin bleiben nur übrig das Kochsalzimplantat (möglicherweise in der Form des Doppel-Lumen-Implantats), ferner das aus Frankreich stammende erst vor zwei Jahren eingeführte Hydrogelimplantat (Silikonhülle mit Matrix-Gel).

c)

Weiter muß der Operateur besondere Sorgfalt auf Schnittplanung und Schnittführung legen. Gerade weil die Frau, die sich für eine chirurgische Brustaugmentation entschieden hat, eine subjektive Verbesserung der Ästhetik wünscht, scheiden alle Schnittführungen aus, denen das Risiko auffällige Narbenbildung inhärent ist. Statt der axilären Schnittführung steht damit die perima-milläre Schnittführung im Vordergrund.

07.

Ob nach deutschem Zivilrecht die Hersteller der in Verruf geratenen einwandigen Silikonimplantate in Anwendung des Produkthaftungsgesetzes ab dem 01.01.1990 verschuldensunabhängig haften, ist von der Rechtsprechung bisher nicht entschieden. Das oben beschriebene behördliche Verbot der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) für Brustimplantate aus Silikon gilt weder in der EU noch in Deutschland; allerdings kann der Produzent eines reinen Sili-konbrustimplantates daraus keinen haftungsrechtlichen Nektar im Sinne von Exkulpation saugen; erinnert sei an das „Skilift-Urteil“ des Bundesgerichtshofs zur Produkthaftung des Herstellers

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eines Skilifts für die Folgen eines Liftversagens trotz am Tag zuvor positiver erfolgter Abnahme durch den TÜV.

08.

Literaturhinweise:

·     Andrea Freund, „Schnittfest wie Gummibärchen“, FAZ Nr. 128 vom 04.06.2003

·     Deutsch/Spickhoff, Medizinrecht, 5. Auflage, Berlin u.a. 2003

·     Katja Gelinsky, „Gerne groß“, FAZ Nr. 128 vom 04.06.2003

·     Kaufmann et al., Die Gynäkologie, Berlin 2002, Seite 696 ff.

·     Laufs/Uhlenbruck, Handbuch des Arztrechts, 3. Auflage, München 2002

09.

Ende der Bearbeitung: 31.07.2003