Sozietät
Dr. Oexmann

Pferderecht

Kissing Spines und Röntgenleitfaden 2007

Veröffentlicht von Dr. Oexmann am 2008-04-07

Rechtsanwalt Dr. jur. Burkhard Oexmann, Lippetal

Engstände der Dornfortsätze der Brust- und Lendenwirbelsäule des Pferdes (englisch: kissing-spines-syndrome) führen nach Durchführung der tierärztlichen Pferdekaufuntersuchung häufig zum Scheitern des (aufschiebend bedingten) Kaufvertrages. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben indes ergeben, daß das Schlagwort „Kissing Spines“ mehr der Mystifizierung als der Transparenz des veterinärmedizinischen Status dient. Ein aktuelles Urteil des Bundesgerichtshofs und die Modifikation des Röntgenleitfadens der Bundestierärztekammer führen zu einer Trendwende bei der Gewichtung der Kissing-Spines-Problematik. Rechtsanwalt Dr. jur. Burkhard Oexmann, Hamm, Spezialist für Pferderecht, analysiert die Situation und gibt Hinweise, wie vor allem Pferdezuchtverbände und Tierärzte zur problemadäquaten Entmystifizierung des Themas beitragen können.

Kissing Spines Syndrom

Das Standardwerk der Pferdeheilkunde (Dietz/Huskamp, Handbuch Pferdepraxis, 3. Aufl., Stuttgart 2006) bezeichnet im Kapital „Krankheiten der Wirbelsäule“ die „Rückenbeschwerden“ als eine orthopädische Erkrankung des Pferdes, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden dürfe, da sie eine wichtige Ursache für die Einschränkung der Gebrauchsfähigkeit bedeuten und gar zum Verlust der angestrebten Verwendungsfähigkeit im Sinne der Reitbarkeit führen können. Symptome des „back pain“ seien Sattel- und/oder Gurtzwang, Sensibilität beim Abtasten des Rückens und beim Putzen, Durchdrücken des Rückens beim Aufsitzen und Anreiten, Steifheit, gebundener Gang, eingeklemmter Schweif, Taktfehler im Trab, Kreuzgalopp, Widersetzlichkeit in der Versammlung, Steigen, panisches Wegrennen und Widersetzlichkeit beim Rückwärtsrichten. Im Hinblick auf diese Symptomatik basiere die Diagnose der Rückenerkrankung beim Pferd „auf den Befunden der klinischen Untersuchung“. Um eine Beteiligung der Brust- und Lendenwirbel am Krankheitsgeschehen nachzuweisen, sei die röntgenologische Untersuchung unverzichtbar. Röntgenologisch nachgewiesene Veränderungen am Skelettsystem sprächen für ein sog. thora-kolumbales interspinales Syndrom (TIS). Wichtig an dieser Stelle: Erst wenn sich klinische Symptome zeigen, besteht die differentialdiagnostische Notwendigkeit einer röntgenologischen Abklärung.

Handorfer Röntgenstandard

Während die röntgenologische Untersuchung der Auktionspferde und Körkandidaten beim Hannoveraner Pferdezuchtverband Brust- und Lendenwirbelsäule nach wie vor ausschließt, hat sich in Westfalen seit Jahren der „Handorfer Röntgenstandard“ entwickelt, niedergelegt in einer Richtlinie nach § 10 Nr. 5 lit. f der Satzung des Westfälischen Pferdestammbuchs. Im Zuge der röntgenologischen Untersuchung der Elite-Auktionspferde und sämtlicher zugelassener Körkandidaten werden Rücken und die Dornfortsätze seitlich geröntgt. Diese Verbandsentscheidung, offensichtlich orientiert am Röntgenleitfaden 2002 der Bundestierärztekammer und der Gesellschaft für Pferdemedizin, soll den gesundheitlichen Status der Auktions- und Körkandidaten transparenter machen.

Urteil des Bundesgerichtshofs vom 07.02.2007

Diese Entscheidung betrifft den Kauf eines Reitpferdes unter dem Aspekt „Abweichung von der physiologischen Norm als Sachmangel nach §§ 90a S. 3, 434 Abs. 1 S. 1 BGB“. Der für das Kaufrecht zuständige VIII. Zivilsenat formuliert den Leitsatz 1 seiner Entscheidung: „Die Eignung eines klinisch unauffälligen Pferdes für die vertraglich vorausgesetzte Verwendung als Reitpferd wird nicht schon dadurch beeinträchtigt, dass aufgrund von Abweichungen von der ‚physiologischen Norm’ eine geringe Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass das Tier zukünftig klinische Symptome entwickeln wird, die seiner Verwendung als Reitpferd entgegenstehen.“ Der BGH stützt sich also auf die Erkenntnisse der Pferdemedizin, daß die röntgenologische Darstellung des Rückens eines Pferdes zur Differentialdiagnostik zählt; zwingend vorangehen müssen klinische Symptome im Sinne von Rückenbeschwerden („back pain“).

Aktuelle Erkenntnisse der Pferdemedizin

Reihenuntersuchungen namhafter Fachtierärzte für Pferde (Prof. Dr. Gerhards, München; Dr. Brunken, Verdener Auktionstierarzt des Hannoveraner Verbandes; Frau Dr. Holmer, ehemalige Assistentin des Telgter Auktionstierarztes Dr. Merz) zeigen, daß bis zu 91,5 % der rückengesunden Warmblutpferde an den Dornfortsätzen normabweichende radiologische Befunde aufweisen. Ätiologie und Pathophysiologie der Rückenbeschwerden in der Pferdemedizin dürften, so auch andere veterinärmedizinische Autoren, primär auf mangelnde Losgelassenheit, mithin auf dystrophe Muskulatur des Rückens zurückzuführen sein. Der Rückgriff auf die Erkenntnisse der (klassischen) Reitlehre ist damit gefragt. Inapparente Kissing-Spines-Syndrome (KSS) lösen folgende Postulate aus: Auch im Rahmen der Kaufuntersuchung des Pferdes darf wegen der erhöhten Strahlenexposition der Rücken des Pferdes differentialdiagnostisch nur geröntgt werden, wenn die gründliche Palpation zu einem positiven Befund im Sinne von reproduzierbarer Schmerzreaktion geführt hat. Schlicht formuliert: Solange der Motor eines Gebrauchwagens frei von Beanstandungen läuft, kommt kein vernünftiger Automechatroniker auf die Idee, den Zylinderkopf abzuschrauben, um die Pleuellager zu untersuchen.

Rechtliche Ableitungen

Der von der Schulmedizin der Pferdeveterinäre abweichende Handorfer Röntgenstandard mit obligatorischer röntgenologischer Darstellung des Rückens und der Dornfortsätze ist (insoweit konsequentes) Ergebnis der Anwendung des Röntgenleitfadens 2002 der Bundestierärztekammer. Mit diesem Röntgenleitfaden habe ich mich im vergangenen Jahr in einem juristischen Fachaufsatz („Die forensische Zukunft des Röntgenleitfadens“; Zeitschrift „Recht der Landwirtschaft“ 2007, 116 ff.) kritisch auseinandergesetzt. Soweit die Röntgenbefunde der Klasse II vom Tierarzt nicht zu offenbaren seien, liege ein Verstoß gegen die Berufsordnungen der Tierärzte (normiert durch die Landestierärztekammern) vor. Diese Berufsordnungen postulierten nämlich, daß der Tierarzt über seine Feststellungen Aufzeichnungen fertige. Da es bei der radiologischen Kaufuntersuchung um die Abgrenzung angeborener oder erworbener pathologischer Normabweichungen von biologischen Formvarianzen gehe, sei dem Tierarzt kein Handlungsspielraum eingeräumt. Das decke sich mit der gefestigten Rechtsprechung insbesondere des Bundesgerichtshofs, der nämlich seit seiner Grundsatzentscheidung vom 05.05.1983 (VII ZR 174/81; NJW 1983, 2078) dem tierärztlichen Protokoll der Pferdekaufuntersuchung wegen seiner vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten selbständige wirtschaftliche Bedeutung beimesse. Aus dieser von den Tierärzten selbst produzierten Zwickmühle zwischen der Kaskade der Differentialdiagnose einerseits und der (abstrakten) Verpflichtung zur Dokumentation röntgenologischer Normabweichungen andererseits kann man sich nur befreien, wenn man im Rahmen der Pferdekaufuntersuchung die obligatorische Röntgendiagnostik des Rückens und der Dornfortsätze abschafft.

Röntgenleitfaden 2007

Dieser Erkenntnis haben sich namhafte deutsche Pferdetierärzte angeschlossen und im Zusammenschluß als dritte Röntgenkommission (Mitglieder: Prof. Dr. Gerhards, München; Prof. Dr. Hertsch, Berlin; Tierarzt Dr. Jahn, Bargtheide; Tierarzt Dr. Brunken, Verden) den Röntgenleitfaden 2002 gründlich überarbeitet und im Dezember 2007 den „Röntgenleitfaden 2007“ (abgekürzt: RöLF 07“) verabschiedet. Die röntgenologische Untersuchung von Pferden, so das Vorwort, zum Zweck des Kaufs sei weltweit eine übliche und etablierte Methode. Die Röntgenaufnahmen als bleibende Dokumente würden in der Regel von mehreren Fachkollegen beurteilt und interpretiert. Es sei deshalb nicht selten, daß dabei unterschiedliche Meinungen geäußert würden. Die Differenz der Meinungen bilde den Nährboden für gerichtlich ausgetragene Streitigkeiten. Die nunmehrige Neufassung beinhaltet:

·     eine textliche Veränderung der Definitionen der Röntgenklassen I bis IV

·     die Beibehaltung des Prinzips, Befunde der Röntgenklasse II nicht zwingend zu erwähnen

·     eine verfeinerte Differenzierung der Röntgenbefunde

·     eine daraus resultierende Erweiterung der Zahl der Befunde von bisher 200 auf jetzt 286

·     Aufhebung des Einflusses der klinischen Befundung auf die Klasseneinteilung bei gleichzeitiger Begründung eines Einflusses auf die Endbeurteilung der Kaufuntersuchung (bestehend aus klinischem und röntgenologischem Teil).

Damit trägt der Röntgenleitfaden 2007 nicht nur dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 07.02.2007 (a.a.O.) Rechnung, sondern reagiert auch auf die in der juristischen Fachliteratur geäußerte Kritik an der forensischen Irreführung durch den Röntgenleitfaden 2002. Soweit es in Textziffer 5.2 der novellierten Fassung des Röntgenleitfadens um die „Dornfortsätze Bereich Sattellage und Lendenwirbelsäule“ geht, wird nunmehr sowohl bei näher definierten Zwischenräumen als auch bei dem Berühren der Dornfortsätze unterschieden, ob reaktive Veränderungen vorliegen oder eine solche reaktive Veränderung nicht festgestellt werden kann. Mit der Verwendung des Adjektives „reaktiv“ wird die von der herrschenden Schulmedizin geforderte Abhängigkeit der differentialdiagnostischen radiologischen Untersuchung von der vorhergehenden palpatorischen klinischen Befundung wiederhergestellt (Stichwort: inapparentes KSS, also rönt-genologische Darstellung einer Normabweichung ohne klinische Symptomatik im Sinne von „back pain“).

Konsequenzen für das Westfälische Pferdestammbuch und Tierärzte im allgemeinen

Der Hannoveraner (weltweit größte) Pferdezuchtverband und Dr. Brunken fühlen sich durch die Novellierung des Röntgenleitfadens in der Fassung 2007 in ihrer vor Jahren herbeigeführten Entscheidung bestätigt, im Rahmen der Eliteauktionen und der Hengstkörungen keine obligatorische Röntgenuntersuchung des Rückens und der Dornfortsätze vorzuschreiben. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, daß noch im Jahr 2008 das Westfälische Pferdestammbuch trotz überragender veterinärmedizinischer Beratung insbesondere durch die Auktionstierärzte Dr. Alexander Merz, Telgte, und Dr. Victor Baltus, Dülmen, den Handorfer Röntgenstandard nach wie vor obligatorisch praktiziert. Mit dieser unveränderten radiologischen Untersuchung wird das Marktgeschehen nur formal transparenter; im Ergebnis werden potentielle Käufer verunsichert. Den Verkäufern und Hengstausstellern werden die Marktchancen sachwidrig beschränkt und/oder gar verschlechtert. Wenn der Tierarzt bei allerdings intensiver Palpation des Pferderückens keinen „back pain“ feststellt, besteht keinerlei Anlaß, die Sattellage und die Dornfortsätze in entsprechenden Projektionen radiologisch zu untersuchen. Geschieht dies gleichwohl obligatorisch, stellt dies einen Verstoß gegen die veterinärmedizinischen Prinzipien der kaskadenför-migen Differentialdiagnostik dar. Allerdings, so will ich einschränken, dürfte der Tierarzt bei mittel- und hochpreisigen Pferden unter dem Gesichtspunkt des Integritätsinteresses wirtschaftlich beratend verpflichtet sein, die Möglichkeit einer röntgenologischen Untersuchung des Rückens und der Dornfortsätze anzubieten, zumal die Kosten für die maximal drei Aufnahmen deutlich unter 100,00 € liegen, im Verhältnis zu einem Kaufpreis von etwa 50.000,00 € also geradezu „Peanuts“ darstellen. Den niedergelassenen Tierärzten kann ich nur empfehlen, schleunigst die Verwendung auf dem Markt befindlicher vorgedruckter Kaufuntersuchungsprotokolle aufzugeben und sowohl beim Gang der Untersuchung als auch bei der Interpretation der klinischen wie radiologischen Befunde schriftlich zu erklären: „Bei der klinischen Untersuchung des Rückens waren Anzeichen für eine Erkrankung nicht festzustellen; deshalb und wegen der Strahlenbelastung durch eine entsprechende radiologische Untersuchung wurden Rücken und Dornfortsätze nicht geröntgt.“ Solange das Westfälische Pferdestammbuch und die Tierärzte in unserer Region ohne differentialdiagnostische Notwendigkeit stereotyp Röntgenaufnahmen von Rücken und Dornfortsätzen anfertigen, ohne vorher „back pain“ palpiert zu haben, erweisen sie den Auktionsausstellern und Pferdeverkäufern einen Bärendienst; sie eröffnen nämlich den Bietern und Käufern die willkommene Möglichkeit, mit dem Scheinargument „Kissing Spines“ in Verhandlungen zur Reduzierung des Kaufpreises einzutreten.

Ende der Bearbeitung: 07.04.2008