Sozietät
Dr. Oexmann

Pferderecht

Forensik der Pferdekolik

Veröffentlicht von Dr. Oexmann am 2003-09-30

von Dr. jur. Burkhard Oexmann, Rechtsanwalt beim OLG Hamm

1. Rechtsprechung

BGH NJW 1982, 1327 (Urteil vom 19.01.1982): (1.) Ein Tierarzt, dem ein Tier zur stationärer Behandlung übergeben worden ist, ist berechtigt und verpflichtet, das Tier zu töten, wenn weitere Behandlungsmaßnahmen keinen Erfolg versprechen und dem Tier längere Qualen erspart werden sollen. (2.) Unberührt davon bleibt die Verpflichtung des Tierarztes, nach Möglichkeit vorher seinen Auftraggeber von neuen Krankheitsentwicklungen bei dem Tier zu verständigen und ihn über weitere Maßnahmen zu beraten.

OLG Celle VersR 1989, 714 (Urteil vom 13.02.1989): (1.) Bei Koliksymptomen eines Hengstes muß jeder Tierarzt in erster Linie an einen inkarzerierten Bruch denken und ganz gezielt – u.a. durch Palpation des Hodens, die eine Standardmaßnahme ist – nach Anzeichen für einen Darmverschluß suchen. (2.) Erkennt der Tierarzt die Ursache der Koliken eines Pferdes nicht, so muß er zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen des Eigentümers die Behandlung alsbald unterbrechen und die sofortige Weiterbehandlung des Tieres in einer Fachklinik anregen. (3.) Der Verstoß gegen diesen Grundsatz ist als grober Behandlungsfehler zu werten; bei entsprechender Schadensneigung des Behandlungsfehlers ist die durch Billigkeitserwägungen gerechtfertigte Umkehr der Beweislast eine in der Tiermedizin in gleicher Weise angemessene Sanktion auf eine besonders gravierende Pflichtverletzung wie in der Humanmedizin.

OLG Düsseldorf VersR 1990, 867 (Urteil vom 18.05.1989): (1.) Unterläßt ein Tierarzt die gebotene rektale Untersuchung eines Pferdes, stellt dies einen groben Behandlungsfehler dar, für den der Tierarzt jedoch nicht haftet, wenn er beweist, daß die unterbliebene diagnostische Maßnahme für den weiteren Krankheitsverlauf nicht ursächlich geworden ist. (2.) Die Frage, ob ein Tierarzt ohne konkreten tiermedizinischen Anlaß verpflichtet ist, auf einen theoretisch möglichen schwerwiegenden Krankheitsverlauf hinzuweisen, um dem Eigentümer des Tieres Gelegenheit zu geben, Vorkehrungen zur Abwendung der nur möglichen Gefährdung zu treffen, bleibt offen.

LG Münster vom 24.08.2000 (2 O 6/00; unveröffentlicht): Pflicht des Tierarztes zur Palpation des Skrotums bei Einklemmung des Darms im Hodensack (hernia inguinalis incarcerata) im Verhältnis zur GDJ (Gastroduodenojejunitis)

2.    Schlüsselworte

Aufklärung des Patienteneigentümers

Diagnostik (insbesondere rektale Untersuchung)

Diagnostik (Bestimmung des Laktatwertes)

Therapie (Spasmolyse durch Buscopan ®)

Therapieergänzung: Kreislaufstabilisierung u.a. durch „Cortison“

Überweisung in eine Fachtierklinik für Pferde

grober Behandlungsfehler

Beweislastumkehr

tierärztliche Dokumentation.

3.    (Unverzeihliche, damit grob-fahrlässige) Fehler des Tierarztes

a)

Das Unterlassen der rektalen Untersuchung des Pferdes ist nicht mehr verständlich und bedeutet einen unter keinen Umständen zu vertretenen Verstoß gegen die veterinärmedizinischen Regeln. Das gilt selbst trotz der (veterinärmedizinischen) Erfahrung, daß Veränderungen der Dickdarmlagen auch bei einer rektalen Untersuchung durch den Tierarzt nicht immer festgestellt werden können.

b)

Beweisrechtlich: Bei einem solchen Verstoß gegen die Pflichten aus dem tierärztlichen Behandlungsvertrag nimmt die Rechtsprechung grundsätzlich grobe Fehlerhaftigkeit mit der Folge der Umkehrung der Beweislast an. Gleichwohl ist dem Tierarzt die Möglichkeit eröffnet, sich zu exkulpieren, wenn er den Nachweis führt, daß auch bei früherer Klinikeinweisung der Tod des Pferdes nicht hätte vermieden werden können (etwa unsichere Prognose einer zeitlich früheren chirurgischen Intervention).

c)

Abweichend das OLG Koblenz (1 O 483/97): Bei der Erstuntersuchung eines Kolikers sei eine rektale Untersuchung nicht erforderlich; zwar sei die Kolik eine häufige Erkrankung, sie verlaufe aber genauso häufig „harmlos“. In der Mehrzahl handele es sich nämlich um rein funktionelle Störungen, die vielfach von selbst verschwänden. Allerdings müsse der Tierarzt in jedem Fall eine krampflösende Therapie beginnen.

d)

Landgericht Offenburg (3 O 611/86): Verhält sich ein Pferd unruhig, wälzt er sich und zeigt es „Speichel“, muß auf eine Magenüberfüllung („speichender Koliker“) geschlossen werden. Eine Sondierung ist unumgänglich.

e)

Kommt es nach der Kastration eines Hengstes (bedeckte Kastration) zu einem (nicht vermeidbaren) Leistenbruch, ist die rektale Untersuchung mit dem Ziel, Darmverschlingungen festzustellen, kontraindiziert, weil die Untersuchung eine zusätzlilche Belastung und Gefährdung für das Tier darstellt.

f)

Das Unterlassen der Laktatwertbestimmung stellt einen Behandlungsfehler dar. Diese diagnostische Maßnahme ist erforderlich, um die Notwendigkeit operativer Intervention bei Verdacht einer Torsio coli auszuloten.

g)

Darmperforation infolge rektaler Untersuchung eines Kolikpferdes: Die rektale Diagnostik war grundsätzlich geboten. Als der Tierarzt beim Herausziehen der Untersuchungshand Blut am Handschuh feststellte, hätte er erneut untersuchen müssen, um Art und Umfang des Darmrisses (Darmperforation) aufzuklären. Außerdem mußte die Peristaltik des Pferdedarmes medikamentös stillgelegt werden. Es bestand nämlich die Gefahr einer Zusammenhangstrennung im Enddarm mit Eindringen von Darm in das Peritoneum.

(Ende der Bearbeitung: 30.09.2003)